Berlin macht mobil

Vor einem Jahr trat in der Hauptstadt das bundesweit erste Mobilitätsgesetz in Kraft, doch mit der Umsetzung hapert es in einigen Fällen noch.
Statt auf Politik und Verwaltung zu warten, liefern Initiativen und Start-ups selbst innovative Beiträge zu einer urbanen Mobilität für die Zukunft.

Die Polizeimeldung fand nüchterne Worte: „Gestern Abend ereignete sich in Mitte ein schwerer Verkehrsunfall, bei dem vier Menschen ums Leben kamen und fünf verletzt wurden“, schrieb die Pressestelle der Berliner Polizei, nachdem ein SUV über einen Gehweg in der Invalidenstraße raste und mehrere Menschen mit sich riss. Weit weniger nüchtern waren die Reaktionen auf den tödlichen Verkehrsunfall, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Schließlich warf der Fall fundamentale Fragen auf: Wie lässt sich dafür Sorge tragen, dass jeder angemessen und sicher am Verkehr teilnehmen kann?

Gerade in Berlin wird diese Frage stark diskutiert. Hier sorgt stetiger Zuzug dafür, dass auch auf den Straßen um (Frei-)Raum gekämpft wird. Mit dem bundesweit ersten Mobilitätsgesetz, das seit Sommer 2018 gilt, versucht das Land Berlin, diesen Besonderheiten Rechnung zu tragen.

Radschnellwege in Berlin

Wenn bei der Sternfahrt des ADFC Radfahrer auf für den Autoverkehr gesperrten Straßen Richtung Zentrum sausen, bekommt man eine Vorstellung davon, wie Radverkehr ohne Hindernisse aussehen könnte: In Berlin sollen in den nächsten Jahren mindestens 100 Kilometer Radschnellverbindungen entstehen. Die infrastrukturelle Qualität dieser Schnellstraßen für Radfahrer soll hoch sein, heißt es aus der Senatsverwaltung: “Sie besitzen breite, meist separate Wege, sind gut beleuchtet, bequem und bis auf wenige Ausnahmen ohne Stopp für die Radfahrenden zu befahren. Sie machen das Radfahren somit sicherer und schneller und dies insbesondere auf Wegstrecken, die länger als fünf Kilometer sind. Radschnellverbindungen werden somit Anreize schaffen, das Fahrrad in Berlin insgesamt häufiger zu nutzen.” Damit andere Verkehrsteilnehmer unter den Verkehrswegen nicht leiden, sei eine Abtrennung von bisherigen Fahrbahnen nötig, fordert wieder Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS e.V.): “Die geplanten 100 Kilometer Radschnellwege dürfen nicht grüne, ruhige Erholungsräume in asphaltierte, tempo-geprägte Verkehrsräume verwandeln.”

Verbände, die an dem Mobilitätsgesetz zum Teil selbst beteiligt waren, sehen jedoch noch Handlungsbedarf. So kritisierte der Berliner Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) kürzlich, Senat und Bezirke würden die Umsetzung des Mobilitätsgesetzes „verschleppen“. „Alle Bezirke und der Senat müssten an einem Strang ziehen, stattdessen werden etwa in Reinickendorf Radwege zurückgebaut und somit wird offen gegen das Mobilitätsgesetz gearbeitet“, moniert ADFC-Sprecher Nikolas Linck.

Doch solange Politik und Verwaltung nicht vollständig in die Gänge kommen, macht Berlin eben selbst mobil.

„Wir möchten die Menschen im urbanen Raum auf die Vorzüge vernetzter Elektromobilität aufmerksam machen und so die Gesellschaft für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren“, sagt etwa Bernd Schmaul vom Elektroroller-Sharing-Anbieter COUP. Das Unternehmen hat seine Flotte in Berlin auf mittlerweile 1.500 Roller ausgebaut.

Einen anderen Ansatz verfolgt wiederum die Initiative „FixMyCity“. Sie dokumentiert den aktuellen und geplanten Stand der Berliner Radinfrastruktur auf einer interaktiven karte und hat einen „Happy-Bike-Index“ erstellt.

Er basiert auf einem von uns entwickelten Algorithmus, der die Schutzwirkung von Radinfrastruktur der gemessenen Kfz-Verkehrsstärke gegenüberstellt. Vereinfacht gesagt: Je mehr Autos fahren, desto besseren Schutz braucht es“, erläutert Boris Hekele von dem unter anderem auch mit Senatsmitteln geförderten Start-up. Künftig sollen auch Bewertungen von Nutzern mit einfließen.

In Berlin tut sich also einiges, wenn es um Innovationen für die urbane Mobilität geht. Das wäre vielleicht auch einmal ein Anlass für bundesweite Schlagzeilen.

Wie steht es um Berlins Radwege? Wer das wissen möchte, hat seit einiger Zeit die Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen: Das Start-up FixMyCity hat eine interaktive, aktuelle Karte mit geplanten und bereits verwirklichten Radwegen erstellt. Wir haben auf unseren Karten auch Planungen, die unter Umständen vereinzelt nicht umgesetzt wurden und sie dann entsprechend markiert. Das kommt aber reichlich selten vor. Wir bei FixMyBerlin stehen auf dem Standpunkt, dass Planungen in einem frühen Stadium publiziert werden sollten, damit die Verantwortlichen frühzeitig die Möglichkeit bekommen, sich Feedback von unseren Benutzer:innen einzuholen. Häufig geschieht dies bei Bauvorhaben leider viel zu spät und es kommt so zu Verzögerungen, da einzelne Anwohner:innen sich in letzter Sekunde querstellen. Wird ein Vorhaben frühzeitig kommuniziert, ist es einfacher Unterstützer:innen für das Vorhaben zu gewinnen und unter Umständen – falls die Planung tatsächlich Fehler aufweist – kostengünstig nachzujustieren. ” Die eine Karte von FixMyBerlin zeigt den heutigen Zustand der Radinfrastruktur – derzeit leider noch viel zu viel in rot – und die andere Karte zeigt, was die Berliner Bezirke planen, um die Situation für Radfahrende zu verbessern. Für die Umsetzung der Plattform haben wir viel konzeptionelle Vorarbeit geleistet und haben unsere Ideen dann frühzeitig mit potentiellen Nutzer:innen zusammen getestet. Mit dem dann fertigen Konzept haben wir bei den Bezirken viel Zuspruch erfahren und konnten sie für die Mitarbeit gewinnen. Ein Mehrwert entsteht ja insbesondere auch für die Bezirke selbst, das ist auch so gewollt”, sagt Boris Hekele von FixMyCity.