Hauptstadt der Zukunft

Ein Gespräch über die Stadt von morgen, Illusionen und wichtige Maßnahmen für Berlin als „Smart City“ mit Dr. Karlheinz Steinmüller.
Er ist Methodenspezialist und Generalist für Zukunftsfragen, diplomierter Physiker und promovierter Philosoph.
Der Experte für Geschichte und Grundlagen der Zukunftsforschung lehrt im
Masterstudiengang Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin.

Karlheinz-Steinmueller

Dr. Steinmller, wie sieht denn Ihrer Ansicht nach die Stadt von morgen aus?

Man muss das Konzept der Smart City herunterbrechen auf verschiedene Bereiche wie smarte Mobilität, smarte Gesundheitsdienstleistungen, smarte Dienstleistungen im Bereich Bildung etc. Das Problem ist nur, dass dieses Wörtchen „smart“ ein etwas unscharfer Begriff ist. Es wird von Unternehmen und Entwicklern gern in rein technologischer Hinsicht interpretiert: neue intelligente Technik, hochwertige Vernetzung, auch 5G. Aber bei so einer technikzentrierten Herangehensweise besteht die Gefahr, dass man die Menschen, die das nutzen sollen, vergisst. Schließlich gibt es in der Technikgeschichte einige Beispiele von tollen Lösungen, die von niemandem genutzt wurden und somit auf Fehlinvestitionen hinausgelaufen sind.

Sehen Sie so eine Gefahr auch für Berlin?

Das kann durchaus passieren. Ich denke nur daran, was für ein Trauerspiel die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte war, wo man über Jahre immer wieder neue Ansätze vrfolgt hat. Es hätten sich aber die Ärzte darauf einstellen müssen und ebenso die Patienten. Ein ähnliches Problem haben wir auch beim Thema smarte Verwaltung. Wenn man neue Softwarelösungen einführt, müssen die Mitarbeiter entsprechend mitgenommen werden, was teilweise noch nicht so geschieht. Hier muss man auch vor überzogenen Hoffnungen und Erwartungen warnen. Beispielsweise hat in Tama, einem Vorort von Tokio, eine Initiative eine künstliche Intelligenz als Kandidat für das Bürgermeisteramt vorgeschlagen. Die Argumentation war, dass eine KI immer objektiv urteilt. Dabei wird völlig vergessen, dass so eine KI – oder ein Roboter – einerseits der absolute Bürokrat wäre, der nur nach Paragrafen handelt, und andererseits ist die KI durchaus von jemandem programmiert worden. Tief in der Programmierung stecken die Begrifflichkeiten der Entwickler, ihre Werte und damit auch ihre Vorurteile.

Ist das ein Teil der Illusionen, die so eine Smart City mit sich bringen kann? Zu denken, mit Technik und Rationalität allein könne man Probleme lösen?

Die übergeordnete Ebene dieser Illusionen ist tatsächlich der Glaube, dass Technik all unsere Probleme lösen kann. Eine Ebene tiefer kommt der Glaube, smarte Technik könne neutral, rational und gerecht funktionieren. Gut, Technik hat kein Bauchgefühl, aber dafür handelt man sich die Beschränkungen der Algorithmen ein. Ich kenne das aus dem Bereich des autonomen Fahrens. Irgendwann hat man festgestellt, dass das, was ein Automobil in Deutschland gelernt hat, nicht auf Großbritannien übertragbar ist – nicht wegen des Linksverkehrs, sondern weil sich die Verkehrsteilnehmer dort anders verhalten. Jede Smart City sieht etwas anders aus. Insofern ist auch die Hoffnung, dass man überall auf der Welt eine einheitliche Lösung verwenden kann, eine Illusion.

Der Begriff Smart City wird spätestens in 15 Jahren verbraucht sein.

2050 soll Berlin CO2-neutral sein, man will eine Smart City werden: intelligent vernetzt, zukunftsfähig und resilient, wie es so schnö heißt. Ist das realistisch?

Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass man 2050 nicht mehr von Smart City reden wird. Der Begriff wird in spätestens 15 Jahren verbraucht sein. Einige Dinge werden bis dahin perfekt funktionieren. Aber 2050 wird man vor neuen Aufgaben stehen und der Senat wird sagen, wir müssen bis 2080 dies und jenes erreichen und dafür ein neues Schlagwort erfinden. „Smart“ hat einen technischen Beiklang und klingt auch gut, aber was ich doch eigentlich will, ist eine Stadt, in der es sich gut leben lässt. Wenn mir smarte Technologien dabei helfen, bin ich zufrieden.

Ist Berlin denn nun auf der Zielgeraden?

Es wird viel getan, das sollte man nicht kleinreden. Da gibt es neue Verkehrskonzepte, über die man im Detail diskutieren kann, aber es geht in die entsprechende Richtung. Man ist bemüht, Verwaltungen zu modernisieren, man schafft gute Bedingungen für Start-ups, Coworking Spaces und arbeitet an vielen Punkten. Mitunter habe ich den Eindruck, dass unter dem Schlagwort „Smart City“ Dinge geplant sind, die es vielleicht ohnehin gegeben hätte, für die man aber so noch ein zusätzliches Argument hat, um dafür Geld locker machen zu können.

Was ist wichtig als nächster Schritt für Berlin?

Wir brauchen eine Beschleunigung in Verwaltungsdingen. Bei Bauvorhaben sind beispielsweise immer mehr Gesetze und Vorschriften zu beachten. Ob man da als Bauherr von einer Stelle zur anderen laufen möchte … das ist sehr aufwendig und im schlimmsten Fall abschreckend. Wenn es aber gelingt, die Anträge auf einheitlichen Plattformen zu präsentieren, gestützt von starker Software und intelligenten Algorithmen, dann ist die Stadt in diesem Punkt wirklich „smart“ geworden. Auch Bürger bei Planungsprozessen stärker einzubeziehen und vor allem mehr Bürger zu erreichen, wäre ein guter Schritt. Ich verstehe Smart City auch als Chance, ein bisschen zu experimentieren.

Das geschieht ja ganz gut in den zahlreichen Start-ups, die es in Berlin inzwischen gibt.

Genau. Smart City heißt aber auch Schutz der Privatsphäre, gerade bei der Nutzung von Daten im Sinne des Allgemeinwohls. Ich möchte, dass meine medizinischen Daten mir selbst gehören. Dann kann ich selbst bestimmen, ob ich sie einem Forschungsinstitut gebe – etwa weil ich möchte, dass eine Krankheit, unter der ich leide, besser erforscht werden kann. Google würde ich meine Daten keinesfalls überlassen wollen.

Noch mal kurz zur CO2-Neutralitt, die bis 2050 in Berlin umgesetzt sein soll. Ist das realistisch?

Man kann schon allein durch effizientes Verkehrsmanagement einige Prozent gewinnen. Auch beim Heizen und bei der Klimatisierung von Gebäuden sind noch Effizienzgewinne drin, in vielen Fällen sogar 30 Prozent oder mehr. Aber eine absolute CO2-Neutralität erreicht man mit reinen Effizienzmaßnahmen nicht. Bei der Stromerzeugung haben erneuerbare Energien bereits einen Anteil von über 40 Prozent, da sind wir auf dem richtigen Weg. Schwierig ist es beim Verkehr. Ich bin überzeugt, dass Elektromobilität hier nicht die Lösung ist, sondern allenfalls ein wichtiger, aber nicht zentraler Baustein. Aussichtsreich erscheinen mir Biokraftstoffe der zweiten Generation, für die Reststoffe genutzt werden. Auch bei der Bereitstellung von Heizungswärme sind Solar- oder Windstrom nicht der Königsweg. Man braucht hier andere Lösungen, darunter ebenfalls wieder im Bereich von Bioenergie, dem unterschätzten Faktor der Energiewende.

Was würde Sie freuen und was würden Sie sich wünschen?

Mich würde freuen, wenn man sich vermehrt ökologischen Lösungen zuwendet. Wir müssten sehr viel mehr Natur in die Stadt holen. Berlin hat zwar das Glück, eine der grünsten Städte Europas zu sein, aber gerade im innerstädtischen Bereich ist hier noch Potenzial. Das betone ich, weil die Natur bei einer reinen Technikfixierung gern vergessen wird.

Das Interview führte Dana Heidner.